Kleider machen (gültige) Fahrscheine
August 14, 2007
Seit Thomas und ich von Köln aus zur Arbeit pendeln, sind wir beide im Besitz einer Bahncard 100. Meine Monatskarte von Köln nach Aachen hätte alleine schon 210 Euro gekostet, und da ich ca. alle 6 Wochen eine größere und zwischendurch immer mal wieder eine kleinere Fahrt außerhalb meiner Pendelstrecke mache, lohnt es sich. Thomas dagegen kann, weil er nun morgendlich mit einem ICE zur Arbeit fährt, ganze 40 Minuten länger schlafen, und hat außerdem mehrere Verbindungen in der Stunde von Essen nach Köln für die Rückfahrt zur Verfügung.
Wie die typischen BC100-Besitzer sehen wir indes nicht aus. Geworben wird mit Businessmännern im Anzug – und nicht selten habe ich das Gefühl, dass ich vom Schaffner seltsame Blicke ernte, wenn ich mit Band-T-Shirt, Jeans und Turnschuhen bekleidet meine schwarze Karte vorzeige.
Was Thomas allerdings nun morgens auf dem Weg zur Arbeit erlebte übertrifft alles. Der Bahnsteig für den 8:11er ICE in Richtung Essen war überfüllt. Scheinbar hatte ein Regionalzug soviel Verspätung, dass der ICE bis Düsseldorf freigegeben wurde. Thomas schaffte es als einer der ersten in den Zug, und ergatterte einen Sitzplatz am Fenster. Neben ihn setzte sich eine junge Frau – offensichtlich eine derjenigen, die von der Zugfreigabe profitierten. Der ICE war nun ziemlich überfüllt, fuhr aber noch nicht los. Stattdessen kam eine Durchsage, dass alle Besitzer einer Fahrkarte für den Regionalverkehr doch bitte den ICE wieder verlassen mögen, da nun doch ein RE bereitgestellt würde. Der Zug leerte sich wieder – auch der Sitzplatz neben Thomas wurde frei. Auf diesen spekulierte nun ein Mann um die 60, gut gekleidet, und seine Lebensgefährtin. “Sie müssen aufstehen”, wandte sich der Mann an Thomas, der ihn zunächst verwundert anguckte. “Aufstehen? Wieso?” “Ja haben sie denn nicht gehört? Der ICE ist jetzt nicht mehr freigegeben. Alle Fahrgäste mit einer Karte für den Regionalverkehr müssen aussteigen. Ich möchte mich gerne dort hinsetzen.” Als Thomas ihm nun erklärte, dass er durchaus in Besitz eines gültigen ICE-Fahrscheins wäre, verließ der Mann den Wagen. Offensichtlich war ihm sein Auftreten dann doch so peinlich, dass er den Sitzplatz neben Thomas weder für sich noch für seine Frau nutzen wollte.