Gartenpavillons und der Zugverkehr in Spanien
August 8, 2007
Nach dem wirklich wundervollen Malajube-Radiokonzert im Dortmunder Bakuda Klub müssen wir uns etwas beeilen, um den ICE nach Köln um 23:12 zu erwischen. Gerade noch pünktlich kommen wir am Bahnhof an, nur um auf der Anzeigetafel zu lesen: 35 Minuten Verspätung. Ärgerlich, weil ich am nächsten Morgen um 6 Uhr raus muss, aber da kann man nichts machen. McDonalds wird zwei Kakaos los, irgendwann kommt der Zug und wir wollen in Ruhe nach Hause fahren. Kaum ist der Zug in Dortmund losgefahren, bekommen wir erst einmal folgende Durchsage zu hören: “…und noch ein Hinweis für unsere zugestiegenen Fahrgäste. Wegen eines kleinen Zusammenstoßes mit einem Gartenpavillon kurz vor der Einfahrt in Bielefeld hat unser Zug zurzeit leider eine Verspätung von 43 Minuten.” Der Schaffner kann sich dabei kaum das Lachen verkneifen, und auch ich finde, dass das wirklich mal ein origineller Verspätungsgrund ist.
Die darauf folgende Zugfahrt zieht sich, ich bin müde und will schon einmal ein bisschen schlafen. Das klappt auch ganz gut, bis ich irgendwann zwischen Düsseldorf und Köln von lauten Diskussionen geweckt werde. Studenten….ihr Ausweis ist nicht gültig…sie müssen nachzahlen…egal, das gab’s schon tausendmal, ich schlafe weiter. Einige Minuten später ist das allerdings nicht mehr möglich. Eine ältere Dame, offensichtlich spanischer Abstammung, schreit, schimpft, zetert, dass der ganze Wagen zusammenzuckt. Eine Unverschämtheit sei das, sie bestehe auf ihre Kundenrechte, der Zug hätte schließlich Verspätung, in keinem anderen Land gäbe es so etwas. Was ist los? Die Dame hat nicht etwa einen Anschlusszug verpasst, sie verlangt auch kein Geld für einen teuer erstandenen ICE-Fahrschein zurück, da dieser nun offensichtlich mit einer Stunde Verspätung in Köln ankommen wird. Nein, sie ist einfach der Meinung, dass sie den Zug umsonst ohne Ticket benutzen könne, weil er soviel Verspätung hat. Der Schaffner versucht ihr klarzumachen, dass es sich trotz der Verspätung immer noch um einen ICE handele, und dass eine ICE-Fahrt von Düsseldorf nach Köln nun einmal 18 Euro koste. Sie dagegen schreit ihn in gebrochenem Deutsch an, dass sie der festen Überzeugung sei, dass sie den Zug auch ohne gültigen Fahrschein benutzen darf.
Die Situation spitzt sich zu, der Schaffner, der mittlerweile mehrfach von der Frau beleidigt wurde, denkt darüber nach, die Polizei zu holen, während erste Fahrgäste ihr Handy zücken und mitfilmen (falls jemand jemals diesem Video auf YouTube begegnet: bitte Bescheid sagen!).
Der Schaffner verliert schließlich die Nerven, und als die Frau ihm wiederholt erzählt, dass so etwas in Spanien niemals vorkommen würde, kontert er mit dem sehr grenzwertigen Satz “In Spanien können sie froh sein, wenn die Züge überhaupt ankommen”.
Richtig lustig wird es allerdings erst, als sich ein in der Nähe sitzender Schnösel einmischt. Gut gekleidet, redet sehr ausgewählt, kurz: er kommt sich unheimlich wichtig vor. Da wir unmittelbar in das Geschehen verwickelt sind (der Schaffner steht neben uns, die Frau sitzt gleich hinter uns) kann Thomas allerdings seine Alkoholfahne riechen, als er sich nähert. Er spielt sich als Anwalt der nun tödlich in ihrem Nationalstolz verletzten Frau auf, verlangt die Dienstnummer des Schaffners und will sogleich eine Klage gegen ihn einreichen (mit einer Klage hat die Spanierin mittlerweile auch gedroht, allerdings sofort vor dem Europäischen Gerichtshof).
Der Schaffner macht das einzig Richtige: er ignoriert die beiden Unruhestifter und zieht sich zurück, um das weitere Vorgehen mit seinen Kollegen zu beraten. Die Frau dagegen hat sich noch lange nicht beruhigt, ihre Wut richtet sich nun auf das neben uns sitzende junge Pärchen, das ebenfalls nicht im Besitz eines gültigen ICE-Fahrscheins ist. Es sei eine Unverschämtheit, dass sie zahlen musste, während die beiden damit durchkommen. Der junge Mann antwortet mit einem breiten Grinsen: “Tja, ich mir war klar, dass die Fahrt 18 Euro kostet. Ich wollte auch zahlen, aber Sie haben ja den Schaffner vergrault”. Die restlichen Fahrgäste liegen vor Lachen fast auf dem Boden, selbst die Studenten von vorhin sind mittlerweile der Meinung, dass sich die ICE-Fahrt trotz Aufpreis mehr als gelohnt habe.
Ich fahre zu selten Bahn!
und nochmal
!