Seit Thomas und ich von Köln aus zur Arbeit pendeln, sind wir beide im Besitz einer Bahncard 100. Meine Monatskarte von Köln nach Aachen hätte alleine schon 210 Euro gekostet, und da ich ca. alle 6 Wochen eine größere und zwischendurch immer mal wieder eine kleinere Fahrt außerhalb meiner Pendelstrecke mache, lohnt es sich. Thomas dagegen kann, weil er nun morgendlich mit einem ICE zur Arbeit fährt, ganze 40 Minuten länger schlafen, und hat außerdem mehrere Verbindungen in der Stunde von Essen nach Köln für die Rückfahrt zur Verfügung.

Wie die typischen BC100-Besitzer sehen wir indes nicht aus. Geworben wird mit Businessmännern im Anzug – und nicht selten habe ich das Gefühl, dass ich vom Schaffner seltsame Blicke ernte, wenn ich mit Band-T-Shirt, Jeans und Turnschuhen bekleidet meine schwarze Karte vorzeige.

Was Thomas allerdings nun morgens auf dem Weg zur Arbeit erlebte übertrifft alles. Der Bahnsteig für den 8:11er ICE in Richtung Essen war überfüllt. Scheinbar hatte ein Regionalzug soviel Verspätung, dass der ICE bis Düsseldorf freigegeben wurde. Thomas schaffte es als einer der ersten in den Zug, und ergatterte einen Sitzplatz am Fenster. Neben ihn setzte sich eine junge Frau – offensichtlich eine derjenigen, die von der Zugfreigabe profitierten. Der ICE war nun ziemlich überfüllt, fuhr aber noch nicht los. Stattdessen kam eine Durchsage, dass alle Besitzer einer Fahrkarte für den Regionalverkehr doch bitte den ICE wieder verlassen mögen, da nun doch ein RE bereitgestellt würde. Der Zug leerte sich wieder – auch der Sitzplatz neben Thomas wurde frei. Auf diesen spekulierte nun ein Mann um die 60, gut gekleidet, und seine Lebensgefährtin. “Sie müssen aufstehen”, wandte sich der Mann an Thomas, der ihn zunächst verwundert anguckte. “Aufstehen? Wieso?” “Ja haben sie denn nicht gehört? Der ICE ist jetzt nicht mehr freigegeben. Alle Fahrgäste mit einer Karte für den Regionalverkehr müssen aussteigen. Ich möchte mich gerne dort hinsetzen.” Als Thomas ihm nun erklärte, dass er durchaus in Besitz eines gültigen ICE-Fahrscheins wäre, verließ der Mann den Wagen. Offensichtlich war ihm sein Auftreten dann doch so peinlich, dass er den Sitzplatz neben Thomas weder für sich noch für seine Frau nutzen wollte.

Nach dem wirklich wundervollen Malajube-Radiokonzert im Dortmunder Bakuda Klub müssen wir uns etwas beeilen, um den ICE nach Köln um 23:12 zu erwischen. Gerade noch pünktlich kommen wir am Bahnhof an, nur um auf der Anzeigetafel zu lesen: 35 Minuten Verspätung. Ärgerlich, weil ich am nächsten Morgen um 6 Uhr raus muss, aber da kann man nichts machen. McDonalds wird zwei Kakaos los, irgendwann kommt der Zug und wir wollen in Ruhe nach Hause fahren. Kaum ist der Zug in Dortmund losgefahren, bekommen wir erst einmal folgende Durchsage zu hören: “…und noch ein Hinweis für unsere zugestiegenen Fahrgäste. Wegen eines kleinen Zusammenstoßes mit einem Gartenpavillon kurz vor der Einfahrt in Bielefeld hat unser Zug zurzeit leider eine Verspätung von 43 Minuten.” Der Schaffner kann sich dabei kaum das Lachen verkneifen, und auch ich finde, dass das wirklich mal ein origineller Verspätungsgrund ist.

Die darauf folgende Zugfahrt zieht sich, ich bin müde und will schon einmal ein bisschen schlafen. Das klappt auch ganz gut, bis ich irgendwann zwischen Düsseldorf und Köln von lauten Diskussionen geweckt werde. Studenten….ihr Ausweis ist nicht gültig…sie müssen nachzahlen…egal, das gab’s schon tausendmal, ich schlafe weiter. Einige Minuten später ist das allerdings nicht mehr möglich. Eine ältere Dame, offensichtlich spanischer Abstammung, schreit, schimpft, zetert, dass der ganze Wagen zusammenzuckt. Eine Unverschämtheit sei das, sie bestehe auf ihre Kundenrechte, der Zug hätte schließlich Verspätung, in keinem anderen Land gäbe es so etwas. Was ist los? Die Dame hat nicht etwa einen Anschlusszug verpasst, sie verlangt auch kein Geld für einen teuer erstandenen ICE-Fahrschein zurück, da dieser nun offensichtlich mit einer Stunde Verspätung in Köln ankommen wird. Nein, sie ist einfach der Meinung, dass sie den Zug umsonst ohne Ticket benutzen könne, weil er soviel Verspätung hat. Der Schaffner versucht ihr klarzumachen, dass es sich trotz der Verspätung immer noch um einen ICE handele, und dass eine ICE-Fahrt von Düsseldorf nach Köln nun einmal 18 Euro koste. Sie dagegen schreit ihn in gebrochenem Deutsch an, dass sie der festen Überzeugung sei, dass sie den Zug auch ohne gültigen Fahrschein benutzen darf.

Die Situation spitzt sich zu, der Schaffner, der mittlerweile mehrfach von der Frau beleidigt wurde, denkt darüber nach, die Polizei zu holen, während erste Fahrgäste ihr Handy zücken und mitfilmen (falls jemand jemals diesem Video auf YouTube begegnet: bitte Bescheid sagen!).

Der Schaffner verliert schließlich die Nerven, und als die Frau ihm wiederholt erzählt, dass so etwas in Spanien niemals vorkommen würde, kontert er mit dem sehr grenzwertigen Satz “In Spanien können sie froh sein, wenn die Züge überhaupt ankommen”.

Richtig lustig wird es allerdings erst, als sich ein in der Nähe sitzender Schnösel einmischt. Gut gekleidet, redet sehr ausgewählt, kurz: er kommt sich unheimlich wichtig vor. Da wir unmittelbar in das Geschehen verwickelt sind (der Schaffner steht neben uns, die Frau sitzt gleich hinter uns) kann Thomas allerdings seine Alkoholfahne riechen, als er sich nähert. Er spielt sich als Anwalt der nun tödlich in ihrem Nationalstolz verletzten Frau auf, verlangt die Dienstnummer des Schaffners und will sogleich eine Klage gegen ihn einreichen (mit einer Klage hat die Spanierin mittlerweile auch gedroht, allerdings sofort vor dem Europäischen Gerichtshof).

Der Schaffner macht das einzig Richtige: er ignoriert die beiden Unruhestifter und zieht sich zurück, um das weitere Vorgehen mit seinen Kollegen zu beraten. Die Frau dagegen hat sich noch lange nicht beruhigt, ihre Wut richtet sich nun auf das neben uns sitzende junge Pärchen, das ebenfalls nicht im Besitz eines gültigen ICE-Fahrscheins ist. Es sei eine Unverschämtheit, dass sie zahlen musste, während die beiden damit durchkommen. Der junge Mann antwortet mit einem breiten Grinsen: “Tja, ich mir war klar, dass die Fahrt 18 Euro kostet. Ich wollte auch zahlen, aber Sie haben ja den Schaffner vergrault”. Die restlichen Fahrgäste liegen vor Lachen fast auf dem Boden, selbst die Studenten von vorhin sind mittlerweile der Meinung, dass sich die ICE-Fahrt trotz Aufpreis mehr als gelohnt habe.

Seit dem 01.07.2006 muss man, egal zu welcher Uhrzeit man unterwegs ist, dem Busfahrer beim Einsteigen in einen Aachener Bus eine gültige Fahrkarte zeigen. Da mich mein morgendlicher Weg zur Arbeit zuerst am Audimax, dann nacheinander bei Bauingenieuren, Informatikern und Chemikern vorbeiführt, bis ich schließlich die Uniklinik und somit die medizinische Fakultät erreiche, bin ich meist die einzige Person, die dem Busfahrer eine Monatskarte der ASEAG und keinen Studentenausweis hinhält. Zu gewissen Stoßzeiten, etwa kurz vor Vorlesungsbeginn, sind die Busse natürlich immer überfüllt, da man es bei der ASEAG nicht für nötig hält, die Taktung zu erhöhen und lediglich manchmal Ersatzbusse einsetzt, die den regulären Bussen hinterherfahren und meist eher leer sind, weil natürlich alle in den ersten Bus wollen, der die Haltestelle erreicht.

Einige Aachener Studenten weisen dabei schon zu früher Uhrzeit einen äußerst schlechten Charakterzug auf: ausgeprägten Egoismus. “Hauptsache, ich schaffe es in den Bus. Dass hinter mir noch 30 andere Leute einsteigen wollen geht mich doch nichts an!” scheint die gängige Denkweise zu sein. Das hat zur Folge, dass die Sitzplätze hinter der zweiten und dritten Türe im Bus, die man seit der Umstellung nicht mehr zum Einsteigen benutzen darf, meist teilweise unbesetzt bleiben, während vorne keiner mehr in den Bus hineinkommt. Wenn ich es wage, mich durch die stehenbleibende Masse durchzukämpfen, weil ich sehe, dass hinten noch viel Platz ist, dann ernte ich meist böse Blicke: schließlich habe ich die Studenten gerade bei wichtigen Telefonaten, einem hastigen Unterwegsfrühstück oder dem Einprägen wichtiger Sachverhalte aus einem Lehrbuch gestört.

Leider war ich nicht selbst dabei, habe aber neulich im Bus überhört, wie ein Student einem Kommilitonen folgende Geschichte erzählte: Ein Busfahrer hatte neulich morgens so sehr die Nase von dem Verhalten der Studenten voll, dass es nicht weiterfahren wollte, und androhte den Bus räumen zu lassen, um dann mit den Fahrgästen noch einmal das korrekte Einsteigen und nach hinten durchgehen zu üben.

this train is taking ages
so many useless towns
a man collecting wages
a girl collecting frowns

Egal in welche Richtung man Aachen verlässt: sobald man sich für ein anderes Verkehrsmittel als den Thalys entscheidet, kommen einem sofort die obigen Textzeilen in den Sinn.

Auf der Strecke von Aachen nach Köln sind fährt man mit dem RE1 durch Stollberg, Eschweiler, Langerwehe, Düren und Horrem, wobei meiner Meinung nach nur die letzten beiden Haltestellen gerechtfertigt sind. Entscheidet man sich für den RE9, so ist man statt 53 Minuten sogar eine Stunde und zwei Minuten unterwegs, da noch Stopps in Eilendorf und Nothberg hinzukommen.

Auf der Fahrt nach Norden sieht es noch schlimmer aus. Kohlscheid, Herzogenrath, Übach-Palenberg, Geilenkirchen, Lindern, Brachelen, Hückelhoven-Baal, Erkelenz, Herrath, Wickrath und Rheydt muss man schlimmstenfalls über sich ergehen lassen, nur um in die Weltstadt Mönchengladbach zu gelangen.

Als ich nach einem Namensgeber für diesen Blog über Freuden und Ärgernisse der Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln nachdachte, kam ich schließlich auf die Textzeile aus dem Lied von The Lodger. “So many useless towns” schien mir ein passender Name zu sein.

Weihnachten am Bochumer Hbf

Dezember 25, 2006

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